Festrede
Ich bin ja froh, dass Ihr nicht seht,
was hier auf meinem Blatte steht.
Ihr nehmt nur wahr, was Ihr hier hört,
und nicht, was auf dem Schriftstück stört.
Da kann ich schmieren, kann ich streichen,
Euer Ohr wird’s nicht erreichen.
Und ist da irgendwas zu viel:
Es schad’t ja nicht dem Redestil.
Ich meine, falls da auf das Blatt
sich etwas eingemogelt hat,
obwohl es doch ganz klipp und klar
so gar nicht meine Absicht war.
Ist irgendwas auf dem Papier
ganz einfach überflüssig hier,
ob Butter- oder Kaffeefleck:
Da les‘ ich einfach drüber weg.
Gelegentlich, da werd‘ ich stutzig,
so steht doch da ganz klein und putzig
– und manchmal ist das wie verhext –
ein echtes Zeichen in dem Text,
das nicht gerad das Blatt verziert,
statt dessen erst mal irritiert.
Manchmal ist das echt der Hammer:
Steht zum Beispiel da ’ne Klammer!
Ja, das ist so ne Geschicht‘:
Les‘ ich die nun oder auch nicht?
Und les‘ ich dann, was drinnen steht?
Oder ob’s auch ohne geht?
Dann hakt es mit dem Vortragsfluss,
heraus kommt in dem Fall dann Stuss.
Doch damit ist es nicht genug.
So nehme ich jetzt hier Bezug
auf ein neues Phänomen,
welches wir jetzt öfter seh’n.
Da taucht doch in dem Textverlauf
ein völlig neues Zeichen auf.
Ach nein, schon hab‘ ich mich geirrt,
Neu ist nur, wie’s verwendet wird.
Auf jeden Fall denk ich beim Lesen:
So ist das ja noch nie gewesen.
Ach, oh weh, oh Schreck oh Graus:
Wie sprech‘ ich nur das Zeichen aus?
Vielleicht Ihr habt Euch schon gedacht,
was mir solchen Kummer macht.
Damit ich es erklären kann,
fange ich beim Anfang an.
Es ist ja allgemein bekannt –
und trotzdem sei es hier benannt –
dass wir Deutschen ganz genau
unterscheiden Mann und Frau.
Meine Damen, meine Herren,
da können wir uns gar nicht sperren:
Die Rede wird gleich abgelehnt,
wenn sie nicht Mann und Frau erwähnt.
Begrüß ich etwa froh und heiter:
„Hallo, ihr lieben Mitarbeiter!“
dann folgt sofort laut der Protest,
„weil ihr uns Frauen hier vergesst!“
ach ja, Pardon, nicht so gemeint,
sind wir doch alle hier vereint.
Halt stop, so geht’s nicht, wirklich, nein!
Grad so viel Zeit muss nun mal sein!
Ja gut, das kann ich nun nicht ändern:
Im Gegensatz zu andern Ländern
wird großer Wert darauf gelegt,
dass man gerechte Sprache pflegt,
und überall sofort aneckt,
ist die Sprache nicht korrekt.
Doch dann komm ich dummer Tropf
und schüttel‘ manchmal nur den Kopf,
will einfach auf dem Teppich bleiben
und denk: Man kann’s auch übertreiben.
Nicht jeder, der da sprachfaul ist,
ist deshalb gleich ein Chauvinist!
Doch da seh’n gleich welche rot:
Ha, du schweigst die Frauen tot!
Also grüß ich zu dem Feste
all die Gästinnen und Gäste!
Oder – wer es noch nicht kannte –
es gibt ’ne weitere Variante:
Man hat gesucht und nachgedacht,
wie man’s nur immer richtig macht,
und weil nichts andres übrig blieb,
da wählte man das Partizip.
Das ist doch wirklich genial,
entlastet es doch von der Qual,
dass da immer groß und breit
ein dicker Fettnapf steht bereit.
Also grüß ich hier am Ort,
mit ’nem wirklich clev’ren Wort,
’nem rundherum befreienden,
all die zu Gast hier Seienden!
Von all dem macht nun wirklich frei
in dieser Sach‘ der neu’ste Schrei.
Jetzt macht das Deutsche endlich Sinn:
Es steht ein Sternchen mittendrin!
Ein Sternchen unscheinbar und klein:
Das muss die beste Lösung sein!
Warum nur waren wir so blind,
das wir so spät drauf ‚kommen sind?
Und alle feiern da jetzt mit:
Das Gender–Sternchen ist der Hit!
Wir gewöhnen uns das einfach an:
Mit Stern versöhnt sind Frau und Mann.
Wenn nur das Problem nicht wär:
Das mit dem Lesen ist so schwer!
Es ist fast der gleiche Jammer
wie das Lesen bei der Klammer.
Der Fluss des Lesens wird gehemmt,
weil nun da dieses Sternchen klemmt.
Es war ein Sternchen doch bis jetzt
stets für ’ne Anmerkung gesetzt,
die, so war’s bisher bekannt,
steht unten fast am Seitenrand.
So blick ich also hin und her,
ob da wohl noch ein Sternchen wär,
welches zu dem ersten passt,
damit du die Erläut’rung hast.
Doch die Suche ist vergebens:
Keine Erleichterung des Lebens.
So fange ich zu grübeln an,
wie ich’s wohl richtig lesen kann.
So ist mein Lesefluss gestört.
Ob es vielleicht zu dem gehört,
was, wie so mancher Fliegenmist,
schlichtweg zu überlesen ist?
Und bis ich’s wirklich hab gelernt,
hat sich’s vielleicht schon ausgesternt.